Kafkaeske Pommessuche

4:45 Uhr. Immer wenn samstags der Wecker zu dieser unchristlichen Zeit klingelt, ist Brevettag. Kaffee, Müsli, Kopf aus dem Fenster. Alles Routine. Huch – kalt da draußen! Für die ersten Kilometer muss ich unbedingt diese supergute Rapha Jacke einstecken, die ich mir letzten Herbst auf Anraten des Meerespendlers gegönnt habe. Der Wetterbericht hat zwar 20 Grad angekündigt, das aber erst zu frühem Mittag.

ARA Berlin Brandenburg lädt heute zu einem Schmuckstück von 400er Brevet ein. Entlang der Oder und quer durch den Spreewald. Das gab es vor zwei Jahren bereits, die Erinnerungen an den genauen Streckenverlauf sind mittlerweile allerdings schon verblasst. Ich hatte eine tolle Zeit, das weiß ich noch. Der erste 400er! Es war irre heiß und trotz Sonnencreme kam ich als halber Flusskrebs nach Hause. Ich weiß auch noch, dass ich mit meinem Kreislauf zu kämpfen hatte und mich im Ziel erst einmal schön auf die Nase gelegt habe. Shit – an dieser Stelle nochmal einen Dank an diejenigen, die mir damals wieder auf die Beine geholfen haben!

 

 

Heute möchte ich mich zu Beginn wieder von den „Renndonneuren“ aus der Stadt ziehen lassen, um den Pankow-Part der Strecke schnell hinter mich zu bringen. Pankow ist irgendwie nicht so mein Ding. Das 30 Fahrer starke Feld rollt homogen aus der Stadt und bleibt zu meiner Überraschung bis zur ersten Kontrolle nach 45km in Hammer geschlossen zusammen. Das Stundenmittel beträgt 30,8 km/h; ungewohnt ruhig heute. In Hammer beginnt allerdings die Hektik. Stempel holen und direkte Weiterfahrt ist die Devise und als ich meinen Stempel ins Brevetheftchen gedrückt bekomme, ist die halbe Welt schon abgefahren. Ein Kollege merkt an, dass nun nur noch so über die Straße rollende Büsche im Wild-West-Stil fehlen. Gutes Bild! Zwar begann der Tag im Windschatten der großen Gruppe wirklich angenehm und es hätte ruhig noch ein paar Kilometer so weitergehen können, aber was soll’s. Das gibt mir die Möglichkeit schon früh am Tage meinen MP3-Player hervorzuholen und mich durch die Godspeed You Black Emperor!-Diskographie zu hören. Chronologisch. Zeit genug für diese sechs Stunden werde ich haben, denn vor mir liegen heute 245km Soloritt.

Der Weg zur zweiten Kontrollstelle in Lunow ist zwischen Werbelinsee und Angermünde ein ständiges Auf und Ab. Landschaftlich wunderschön, allerdings schon so in der Kategorie „mittel-anstrengend“ einzustufen. Vor allem die kilometerlange Schlaglochpiste durch die Grumsiner Buchenwälder ist besonders tricky und ich umkurve die Schlaglöcher, als hätte ich zwei Tage und Nächte durchgezecht. Besonders bei kleineren Abfahrten ist höchste Konzentration gefordert. In Angermünde schließe ich mich einer kleinen Gruppe an und gönne mir, nach der unruhigen Zwischenetappe, zehn Kilometer Windschatten. Meine Mitstreiter möchten etwas länger in Lunow verweilen, mich zieht es hingegen direkt weiter. Mein Rhythmus sieht die erste Pause erst auf dem Oderdeich vor.

Das Windradar verspricht entspannten Rückenwind zwischen Lunow und Kienitz. Ich warte und warte bis da endlich mal ein Lüftchen drückt, tut’s aber irgendwie nicht. Im Gegenteil, egal in welche Himmelsrichtung ich mein Rad heute drehe, gefühlt pustet es mir immer so ganz leicht ins Gesicht. Dennoch fährt es sich entlang der Oder traumhaft schön. Sogar ganz ohne reifenaufschneidende Muscheln! Die Mittagssonne wärmt, Jacke und Beinlinge sind in der Arschrakete verstaut, die Band in meinem Ohr spielt sich waghalsig durch „Yanqui U.X.o.“, eines meiner Lieblingsalben aus Jugendtagen, und die Vorfreude auf eine große Portion Pommes in Kienitz steigt mit jedem Kilometer. Auch heute verstehe ich übrigens immer noch nicht, was Kritiker an dem Yanqui-Album bei seinem Erscheinen so fürchterlich fanden. Die Gaststätte „Zum Hafen“ platzt bei meiner Ankunft aus allen Nähten. Mist, das hatte man uns letzte Woche in einer Rundmail ja bereits angekündigt! Ganz verdrängt. Zwar ist es möglich Bestellungen zwischenzuschieben, für mich ist das hier alles aber zu viel Trubel. Ich erkenne Rafal, Martin und Anne in der Menge, grüße kurz und setze meine Fahrt nach dem obligatorischen Stempel direkt fort. Ich gehe davon aus, von den Dreien recht bald eingeholt zu werden und bemerke, wie ich mich während der Fahrt immer wieder umdrehe. Der Zusammenschluss sollte aber noch etwa 40km auf sich warten lassen.

 

 

Als wir uns 20km vor Mixdorf treffen, merke ich, dass ich bislang mehr Kraft auf der Straße gelassen habe als geplant. Mit Rafal und Martin bin ich in den letzten Wochen häufiger unterwegs gewesen und normalerweise passen unsere Reisegeschwindigkeiten ganz gut zueinander, doch heute ist mir ihre Gruppe etwas zu schnell. Ich kann mich zwar für den Moment an den Hinterrädern halten, merke aber, dass das auf Dauer nicht funktionieren wird. Als die Gruppe drei Kilometer vor der Kontrolle im Park von Müllrose zum Auffüllen der Bidons anhält, fahre ich weiter. Für drei Kilometer habe ich noch Wasser an Bord. Jetzt, da ich nicht mehr damit beschäftigt bin Anschluss an Hinterrädern zu halten, beginnen wieder meine Pommesfantasien. Da trifft es sich gut, dass der Halt in Mixdorf abermals eine Gaststätte sein wird. Zunächst kümmere ich mich jedoch um meine Wasservorräte, das ist seit jeher bei Stopps meine erste Sorge. Als die Flaschen gefüllt sind und ich zurück in den Gastraum trete, sind die Angestellten der Gaststätte allerdings in der Küche oder sonstwo verschwunden, so dass ich mich an die rollenden Büsche von Hammer erinnert fühle. Außerdem werde ich vom älteren Pärchen in der Ecke des Gastraums schon seit meiner Ankunft wie ein Äffchen im Zoo beäugt und so ist die Lust auf die Rückkehr der Bedienung zu warten spontan verflogen und Pommes nur noch halb so wichtig. Radfahrer scheinen in Mixdorf eine wahre Rarität zu sein! Ich zaubere als Ersatzbefriedigung ein Erdnussbutterbrot aus der Arschrakete und esse stehend auf staubigem Parkplatzgrund. Auch in Ordnung. Etwas Warmes wäre langsam aber doch mal schön… Irgendwo werde ich schon noch etwas finden!

 

 

Nächster Halt: Dahme. Dahme ist 95km von Mixdorf entfernt und nach gut 220km ohne größere Pause ist das mental schon eine mittelgroße Herausforderung. Pommesmotivation fällt leider flach, denn Pommes gibt es in der Sportwelt Dahme leider nicht, das weiß ich noch von der letzten Edition dieses Brevets. So Pommes sind ja aber auch keine klassische Sportlernahrung, das sollte man einer Tennishalle schon zu Gute halten. Warum rede ich plötzlich eigentlich die ganze Zeit von Pommes? Reden wir ab jetzt mal über Erdnüsse. Gesalzen und in Dosen. Die mag ich nämlich auch! Und die gab es beim letzten Mal in der Sportwelt Dahme! Tada, meine Motivation für den langen Weg quer durch den Spreewald ist gefunden.

Mitten in den Pommes-Erdnuss-Tennis-Gedanken, rauscht Rauel mit flottem Gefolge an mir vorbei und ruft: „Hey Uli, häng‘ Dich bei uns an!“ Meinen Einwand, dass die angeschlagene Geschwindigkeit der Drei wahrscheinlich zu hoch für mich sei, lässt er nicht gelten und überzeugt mich mit einem „probier’s einfach mal eine Weile“. Zwar bin ich zunächst skeptisch, denn meine Beine sind nicht mehr die Stärksten, doch tatsächlich fährt es sich im Windschatten von Rauel und seinen Gefährten fast wie von allein. Im Seitenwind fächert sich wie von selbst ein Echolon auf, das jedem Tour de France Teamchef Tränen in die Augen treiben würde. Wir verbringen 70km bei gefühlt gleicher Trittfrequenz und stets 32 km/h auf dem Tacho, ohne größere Ausbrecher. Das ist ein nahezu perfekter Reisezug, nur an Führungsarbeit kann ich leider nicht einen Meter beitragen, dazu genügt meine Kraft heute nicht mehr. Aber das erwartet hier auch niemand von mir: Absolute Gentlemen-Randonneure, vielen Dank für Euren Windschatten! Leider kommt mein Motor 12km vor Dahme ins stottern und ich lasse abreißen. Zu lange ohne vernünftige Pause, zu wenig gegessen – keine Power mehr im Akku. Ich falle auf meine Wohlfühlgeschwindigkeit zurück und bin glücklich damit. Nur noch 12 km bis zur heißersehnten Erdnusskontrolle, das wird ein Fest!

Blöd nur, dass die Sportwelt in diesem Jahr auf Sparflamme brennt und Wurst vom Grill um 18:15 Uhr die einzige Option auf dem Speiseplan ist. Erdnüsse werden, trotz milden Protests des Wurstwendenden, nun aber doch noch nachträglich vom örtlichen Rewe organisiert. Am Tresen wittert man gute Nebeneinkünfte! Von bislang 13 eingetroffenen Fahrern haben sich scheinbar bereits drei als Nussfreunde geoutet. Am Grill würde man lieber fröhlich Wurst unters Volk bringen… Nun denn, ein Hoch auf die durchsetzungsstarke Dame vom Tresen. Für mich kommt das zwar zu spät, aber ich bin mir irgendwie sicher, dass sich auch ohne meine Beihilfe genügend Abnehmer für die Erdnüsse finden werden. Nüsse sind schließlich super. Und Wurst wird ja wahrscheinlich auch immer gegessen werden, also mal keine Bange am Grill! Unterdessen hat Raouel Mitleid mit mir, zieht ein Päckchen Studentenfutter aus seinem Trikot hervor und teilt die Hälfte mit mir. Ich kann gar nicht beschreiben, wie gerne ich Raouel in diesem Moment hatte!

20 Minuten trödele ich in Dahme herum, mit Studentenfutter, zuckriger Limonade und müden Beinen. 100km gehen immer, das ist Gesetz und ich habe im Notfall die ganze Nacht dafür Zeit. No worries here: Trotzdem erscheint mir der Weg nach Trebbin unendlich lang. Ich habe versucht, mich nach Dahme an das Hinterrad zweier entspannterer Mitstreiter zu hängen, ohne großen Erfolg. Bei jeder minimalen Steigung verliere ich Meter um Meter, bei Abfahrten rolle ich wieder auf. Das geht für eine Dreiviertelstunde so weiter, bis die Kollegen schließlich in der Abendsonne entschwinden. Ich ziehe meinen letzten Motivationsjoker: Lauthals singen. Das hat im Harz beim Brockenbrevet 2016 schon funktioniert. Weapon of choice, damals wie heute, Bremens tollster Stadtmusikant: The Dad Horse Experience. „My mother taught me the bible, well I shot her with my rifle – Lord must fix my soul! Oh, Lord must fix my soul, turn the shit into gold, Lord please fix my soul“. Dieses wahnsinnige Mantra wiederhole ich mit allen Strophen des Songs bestimmt eine halbe Stunde lang, bis Trebbin endlich erreicht ist. Total Tankstelle, so häufig als Checkpoint schon angefahren, heute mein Happy Place Nr 1: Lange Pause. Eine Dose Erdnüsse – endlich – und dazu ein Radler auf dem Bordstein – dinner for champions. Beine ganz lang ausstrecken und sich für die letzten 45km nach Berlin abendfein machen. Es ist 20:45 Uhr, die Sonne geht allmählich unter. Beinlinge, Armlinge, Warnweste – Check, check, check.

Diese halbe Stunde Pause bedeuten die Welt. Meine Energie ist zurück und ich würde am liebsten die ganze Nacht durchfahren. Irgendwo zwischen Großbeutchen und Gröbeln fliegen vier Randonneure herbei. Einer davon Mileage-Man Thomas. Ich erinnere mich noch genau an unsere erste Begegnung. Unerfahren wie ich war, habe ich 2016 den Versuch gestartet, den Brocken mit einer 39/24-Übersetzung zu erklimmen. Ist nicht ganz einfach, lasst Euch das gesagt sein. Bei einer harten Rampe blieb mir nichts anderes übrig als abzusteigen und zu schieben. Thomas kletterte heran und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Ich habe nur keine Gänge mehr!“, war meine knappe Antwort. Ein paar Stunden danach haben wir uns in einer Sparkasse im Harz in unsere Schlafsäcke eingerollt und sind vier Wochen später zusammen mit der ersten Fähre irgendeines Sommertages nach Usedom übergesetzt. Während ich noch in diesen Erinnerungen schwelge, liegt vor uns bereits Berlin.

STRAVA

HÖREN: The Dad Horse Experience – Lord must fix my soul

R0011629

++++

Ich möchte Euch Berliner Kollegen – ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass dieser Bericht zu 98% von Berliner Randonneuren gelesen werden wird – ein wunderschönes Darß-Brevet wünschen. Ich war im Februar noch unsicher, ob ich in diesem Jahr tatsächlich schon wieder fit genug für ein 600er sein würde und habe meine Häkchen leider nur bis zur 400 gesetzt. Well, wie fix die Startplätze dann am Ende weg waren, brauche ich nicht erwähnen, denke ich. ; )

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2 Kommentare zu „Kafkaeske Pommessuche

  1. Ich habe mir soeben Bustickets zum Hamburger 600er am 2.6. gekauft und wenn bis dahin meine Lymphdrüseninfektion abgeheilt ist (wovon ich sehr stark ausgehe), bringe ich vielleicht einen neuen Bericht aus Deinem Jagdgrund mit heim. : )

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  2. Ich bin dann mal die 2%, die den Bericht ebenso mit Freude gelesen haben. Kannst du dich nicht einfach mal noch beim 600er mit reinschummeln? Dann käme doch sicherlich noch ein schöner Bericht zustande. 😉

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