Die Chris Froome Gedächtnisrandonneure der Wartburg / Flèche Allemagne 2017

Das letzte Aprilwochenende stellt den Langstreckenfahrer vor die Wahl: Fleche Allemagne oder Candy B. Graveller. Für eingefleischte Audax Randonneure wird die Teilnahme am Fleche fest eingeplant sein, mich haben die Sirenen des Candies allerdings schon gelockt. Mir gefällt die Idee die Strecke des Rosinenbombers abzufahren, weniger gefällt mir allerdings der geplante Untergrund. Trotzdem – man wächst mit seinen Aufgaben und ein Gravelevent könnte mir am Ende vielleicht doch besser gefallen, als ich mir das bislang so vorstelle.

Als Andy, bekannt als wahlweise Rando-Andy, Lenkerbruch-Andy oder seit Neuestem „der Typ mit dem Werkzeugkoffer“, nach dem Berliner 200km Brevet spontan mit ein paar Freunden in Bierlaune ein Fleche-Team auf die Beine stellte und mich einlud bei den „Saufoneuren til Doomsday“ mitzufahren, war die Wahl für mich aber doch direkt klar. Meinen nächsten Gravel-Annäherungsversuch kann ich auch irgendwann anders wagen. Dachte ich zumindest, unsere Flèche-Route hätte den Candy-Fahrern aber sicherlich auch Freudentränen in die Augen schnellen lassen!

Die Saufoneure til Doomsday sind Andy, Flo, Alex, Till und ich. Wir treffen uns am S-Bahnhof Teltow-Stadt, 8 Uhr war geplant… um 8:30 Uhr sind dann alle da. Irgendwie typisch für so Berliner Jungspunde, nicht weiter wild. Eigentlich. Aber irgendwie dann doch ein erstes Vorzeichen, dass wir mit unserem Zeitplan gehörig in Schieflage geraten werden.

Die ersten 100km im Brandenburger Umland kennt man als Berliner Randonneur natürlich ganz gut, viel Asphalt, zwischendurch vereinzelte Waldpassagen über Radfernwege. Alles bestens – ein Hochgenuss im Vergleich zu dem, was uns in Sachsen-Anhalt bevorstehen wird. Im Gegensatz zu anderen Flèche-Teams haben wir zudem Glück mit dem Wetter, kühl und (gegen-)windig zwar, aber kein Regen, kein Hagel und auch keine Minusgrade. Ich bin sehr froh diese Seiten des Flèches nur aus den Geschichten der anderen Teams wahrnehmen zu müssen. Die Erinnerungen an das letztwöchige Schlottern am Ende des 300ers sind noch zu frisch. Unsere Reisegruppe zieht gemächlich durchs Land, das Credo der Saufoneure lautet „soll ja nicht in eine Sportveranstaltung ausarten“. Unser Durchschnitt liegt auf den ersten 200km bei 23km/h, das ist zwar langsamer als ich mit meinem normalen Rhythmus fahren würde, aber so ist das bei einer Teamfahrt nun mal. Ehrlich gesagt bin ich heute gar nicht mal so undankbar über das entspannte Tempo, denn mein Rücken ist vom Vorabend noch leicht lädiert. Man lerne und merke sich: Einen Sekretär per BVG und Muskelkraft von Neukölln nach Lichtenberg zu transportieren ist grundsätzlich eine fragwürdige Freizeitbeschäftigung, besonders aber vor langen Radfahrten! Höchstleistungen wären heute nicht drin, sind aber auch gar nicht gefordert.

Nach 200km verliert unser Team in Höhe von Halle leider einen Mitstreiter. Till, frisch durchgerüttelt von unseren ersten von noch vielen kilometerlangen Kopfsteinpflasterritten, verabschiedet sich schweren Herzens in den nächsten Regionalexpress. Ab Bittereld ging es ihm schon nicht mehr besonders gut und im Hinblick auf das Bevorstehende, war es wahrscheinlich wirklich die beste Option, die Flèche hier zu verlassen. Der zweite Teil unserer Route wird neben einigen Höhenmetern auch unerwartet viel Kopfsteinpflaster und Schotterwege für uns bereithalten. Zudem wird die Nacht kalt, kalt, kalt…

Nur noch zu viert also, erwischen wir unsere erste Curfew knapp zehn Minuten vor Toreschluss. Die Saalefähre Brachwitz führt uns um 20 Uhr, nach 202 gefahrenen Kilometern, mehr als deutlich vor Augen, dass der angedachte Zeitplan mittlerweile vorne und hinten nicht mehr aufgehen kann. Es war geplant bei Kilometer 345 unsere Isomatten in einer Waldhütte in der Fahner Höhe auszubreiten, bei einem Lagerfeuer unserem Teamnamen gerecht zu werden und am nächsten Morgen ausgeruht die letzten Kilometer nach Eisenach unter die Räder zu nehmen. Als der Track aber minütlich abenteuerlicher wird, uns gefühlt über jedes Kopfsteinpflaster Sachsen-Anhalts führt und die ersten ernsten Wellen zu bewältigen sind, zerschlägt sich der Traum von der warmen Hütte recht bald. Um uns auf die durchzufahrende Nacht vorzubereiten, kehren wir in Eisleben in einem Asia-Restaurant ein, erfreuen uns an überdimensionierten Portionen und Kaffee mit Guarana-Pulver. (Andys Zauberpülverchen für den extra Schub Energie!)

Kurz nach 23 Uhr verlassen wir die gemütliche Asia-Zuflucht und werden von den kalten Armen der Nacht begrüßt, in den Ohren schallt überdies Andys Ankündigung: „Der Track wird dann jetzt ein bisschen anspruchsvoller.“ Bei 2°C steuern wir in nicht mehr aufhörende Wellen, zwischen Eisleben und der Wartburg geht es unermüdlich auf und ab, ich spiele Ziehharmonika mit meinen Trikots und Jacken. Problem Nummer 1: Die schweißtreibenden Anstiege sind bei der Kälte doppelt bitter, denn wo es eine Steigung hinaufgeht, kommt unweigerlich die nächste Abfahrt und damit das Auskühlen. Problem Nummer 2: Die Tankstellen entlang des Weges sind allesamt geschlossen! Könnte man sich zumindest regelmäßig mit Kaffee und einer kleinen Aufwärmpause in einer Raststätte durch die Nacht retten, wäre die Gemütslage wesentlich besser. Doch so friert man sich zu unserer Kontrollstelle bei Kilometer 297, einer 24h Tankstelle, mit dem steten Mantra im Hinterkopf: „Bitte kein Nachtschalter, bitte kein verfluchter Nachtschalter!“ Und tja, war dann halt ein Nachtschalter… wie sollte es anders sein. Meine Motivation sinkt in den Minusbereich. Doch zum Glück gibt es ab und an noch barmherzige Mitmenschen und die Dame am Schalter gewährt uns Einlass. Es gibt den langersehnten Kaffee und wir gönnen uns eine Stunde Pause im Warmen. Alex und ich nutzen die Zeit für Powernaps. Für mich bitter nötig, die ersten Anflüge des Sekundenschlafs habe ich leider schon durchleben müssen. Ganz und gar nicht schön wenn man weiß, dass man dank der Kälte im Grunde nicht anhalten kann.

Wir setzen unseren Ansturm auf die Wartburg um 3:30 Uhr fort, das Schlimmste ist nun überstanden. Die Kletterei geht zwar weiter, aber zumindest ist der kälteste Teil der Nacht vorüber. Unsere letzte Kontrolle vor Eisenach liegt in Gotha, 34km war dem Ziel. Wir treffen beim Anstieg zur Fahner Höhe (ein ekelig langes Ding!) die ersten anderen Teams, werden von Ruder-Frank direkt erkannt und mit „Ach, das sind doch die Bierdödel aus Berlin“ begrüßt. Später in Gotha erkennt man Andys „Rad mit dem Werkzeugkoffer“ (heute allerdings ohne Werkzeugkoffer!) aus Dietmars Blog (www.randonneurdidier.wordpress.com) wieder und man fühlt sich in der Tankstelle voller Reflektorjäckchen direkt „randonneurs-heimisch“. Noch bleibt uns nur leider keine Zeit um lange Flèche-Resumées zu ziehen, denn unsere Zeit rennt. Als 8 Uhr Starter haben wir nur noch 1,5 Stunden um die Wartburg zu erreichen. Bei unserer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21km/h ein sehr schweres Unterfangen, eigentlich unmöglich, wenn der Track uns nicht von hier an in die Karten spielen würde. War auch endlich mal Zeit! Es geht hauptsächlich bergab, die Geschwindigkeit steigt und 20km vor Eisenach kreuzt ein schnelles Team unseren Weg. Wir heften uns an und lassen uns mit einem 30er-Schnitt ziehen. Wir passieren das Ortsschild Eisenach, noch sind es 10 Minuten bis zum Kontrollschluss. Wir befinden uns mitten im Anstieg zur Wartburg bis Andy stehen bleibt, ein „ach, scheiße“ vor sich hinmurmelt und erkennt, dass wir grade den Wanderweg und nicht die schöne Asphaltstraße ein paar Kilometer westlich von uns hochkraxeln. Bei 25% Steigung und unbefestigtem Untergrund bleibt uns nichts anderes übrig als die Räder in so einer Art Halbsprint mit Fahrradschuhen zur Wartburg hochzuschieben. Die Uhr tickt, die Chris Froome-Gedächtnisrandonneure schwitzen was das Zeug hält und übergeben Claus Cycholl 20 Sekunden vor 8 Uhr die Startkarten. Endlich durchatmen! Flo lässt einen Flachmann kreisen und man liegt sich in den Armen. Ein unvergesslicher Ritt!

STRAVA: Link

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3 Kommentare zu „Die Chris Froome Gedächtnisrandonneure der Wartburg / Flèche Allemagne 2017

  1. Hey Dietmar, ich freue mich schon Dich am Samstag wiederzusehen! Man merkt, wenn Peter und Du, wie jetzt beim Flèche, nicht mit von der Partie seid. Da fehlt das Stück Erfahrung, von dem wir Jungspunde uns eine gehörige Portion abschneiden können.

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