Die Hölle des Nordens / 300km Brevet / 2017

Der April ist nun wahrlich nicht der beste Freund des Langstreckenfahrers. Das Wetter ist natürlich immer ein Teil der Herausforderung der Langstrecke und es gibt viele hochpreisige Produkte um beinahe jedem Wetter zu trotzen und doch muss man feststellen, dass die Freude am Radfahren bei etlichen Kilometern im eisigen Wind und steten Regenschauern bei niedrigen Temperaturen im wahrsten Sinne des Wortes irgendwann „auf der Strecke“ bleibt. Per se weiß man mit Regen und Gegenwind aus Erfahrung natürlich umzugehen, doch in diesem Jahr erscheint mir das Wetter schlichtweg eine Stufe zermürbender zu sein als gewohnt. Die Hausrunden um den Gefrierpunkt im Januar und Februar konnte man sich noch guten Gewissens als „abhärten für den Sommer“ und „Grundlagenaufbau“ schön reden, bei mir funktioniert das langsam aber einfach nicht mehr. Hand aufs Herz: So richtig schön ist das Radfahren erst, wenn die Sonne scheint. Ich erinnere mich noch gut, dass ich mich im vergangenem Jahr beim 300km Brevet über eine vergessene Sonnenbrille ärgerte und den ersten Sonnenbrand des Jahres als Andenken an ein sehr lehrreiches Brevet mit ins Amstel House zurückbrachte. Davon sind wir in diesem Jahr weit entfernt.

Unser diesjähriger 300er trägt den Titel „Hölle des Nordens“, damit sollen wahrscheinlich die Wellen im Brandenburger Norden vorangekündigt werden, der Belzebub-Faktor ist heute aber definitiv und alleinig das Wetter. Ich bin bekennender Freund vom Wetterradar und schaue schon Tage vor geplanten Touren immer mal wieder auf die zu erwartenden Verhältnisse. Es war früh abzusehen, dass man sich ‚heiter Sonnenschein‘ heute abschminken konnte. Nordwestwind mit steifen Böen und gelegentlichen Regenschauern waren seit Wochenbeginn angesagt und daran sollte sich auch nichts mehr ändern. Wie man aus dem Tracktitel schon ablesen kann, führt uns der Weg in den Norden, also direkt in den Wind. Die Temperatur liegt bei unserer Abfahrt um 7 Grad und steigt in der Mittagssonne bis maximal 14 Grad an. Wirklich warm ist einem ob des Windes allerdings nie so ganz.

 

Ich habe aus meinem Fehler beim 200km Brevet gelernt und halte mich von der ersten Startergruppe fern, diesmal möchte ich nicht vorschnell meine Kräfte verbrauchen. Im zweiten Starterblock finde ich Ralf und Matthew, mit beiden bin ich bei letztjährigen Brevets schon streckenweise sehr angenehm gerollt, also schreibe ich meinen Namen heute im zweiten Block ein. Nach dem Start bildet sich ein Verband von etwa 12 Randonneuren und die Fahrt in Richtung Zehdenick, den ersten Kontrollpunkt, vergeht sehr rasch. Ich halte mich zumeist in der Mitte des Feldes auf, um im Windschatten Kräfte zu sparen. Für ein paar Kilometer setze ich mich aber natürlich auch vorne in den Wind. Das ist Ehrensache. Der Regen kündigt sich als graue Wand bereits deutlich an, doch bis zum ersten Zwischenziel nach gut 60km bleiben wir trocken. Von der Kontrollstelle in Zehdenick setze ich meine Fahrt zunächst alleine fort, viele Kollegen brauchen den ersten wärmenden Kaffee, mir geht es bislang aber noch gut. Außerdem bin ich gerne auch mal eine Zeit lang allein unterwegs. In der Kolonne ist man häufig zu sehr auf sicheres Fahren konzentriert und bekommt nicht ganz so viel von der Umgebung mit. Und die idyllische Streckenführung entlang des Havelradwegs und durch den Müritz-Nationalpark zu verpassen, wäre wirklich schade!

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Bis zur zweiten Kontrolle in Mirow bei Kilometer 125 bleibe ich überwiegend alleine, fahre immer mal wieder auf Kollegen auf, werde von Schnellen eingeholt, bin aber maximal für 2-3km mit meinen Mitstreitern zusammen. Ich habe meinen heutigen Tritt gefunden und Mirow kommt schneller als erwartet, allerdings machen sich die Beine durch den anhaltenden Gegenwind langsam aber sicher bemerkbar. Auch die ersten Regentropfen sind gefallen, davon bekomme ich zunächst aber nur 1-2 minütige Intermezzi mit. Als alter Bremer möchte ich das alles noch eher im Bereich „erhöhte Luftfeuchtigkeit“ einordnen. Die Nässe auf den Straßen lässt aber vermuten, dass vereinzelte Schauer schnelleren Kollegen durchaus schon zu schaffen gemacht haben könnten. Die ersten Anstiege sind etwa ab Zotzen im Track, aber davon spüre ich heute nicht viel. Durch den steten Gegenwind ist man eh relativ langsam unterwegs, da macht es mir nichts mehr aus mit 13-15 km/h vereinzelte Spitzen im Oma-Stil hochzukurbeln. Außerdem habe ich nach dem letztjährigen Hansebrevet viel daran gesetzt, meine Trittfrequenz schrittweise zu erhöhen. Ursprünglich um meine Knie zu entlasten. Positiver Nebeneffekt dieser „Schnellkurbelei“ ist aber ganz deutlich, dass man kleinere Wellen wesentlich besser wegsteckt. Das ist natürlich logisch, aber wenn man in der Jugend sein Rennrad hauptsächlich durch Kraft und mit „der großen Mühle“ durchs Land fuhr, erstaunt einen so einfache Physik dann doch manchmal.

In Mirow ist es dann für mich an der Zeit für einen wärmenden Kaffee. Nach ein paar Schlucken rollt Ingo mit einer kleinen Entourage ein und für den „Zwischensprint“ von 25km bis zur nächsten Kontrolle in Kratzeburg, bilde ich mit Ingo, Martin und Matthew eine kleine Gruppe. Endlich zeigt der Wind Gnade und schiebt uns zum ersten Mal ein wenig an, auch der Track zeigt sich von seiner besten Seite und führt uns ab Babke entlang des Havelradwegs durch den Müritz-Nationalpark. Obwohl die Gruppe wirklich gut funktioniert, löse ich mich ab der Kratzeburger Kontrolle wieder von ihr und mache mich auf den Weg zum 80km entfernten Templin. Unbewusst eine goldrichtige Entscheidung, denn der folgende Abschnitt ist ein atemberaubendes Erlebnis. Vielleicht macht man die ganze Langstreckenkiste, um Momente wie diese zu erleben. Mit leichtem Rückenwind geht es auf der L34 überwiegend bergab, die Straße frisst sich durch grüne Wiesen und Felder, die Schaafe blöken und der Tachometer zeigt Geschwindigkeiten ab 40km/h. Es regnet immer wieder für ein paar Minuten, aber berauscht von der Geschwindigkeit und der tollen Landschaft fällt es leicht, darüber hinwegzusehen. Außerdem kommt die Sonne immer wieder durch und trocknet die feuchte Kleidung. Das ist Fahrspaß pur! Ein Landgasthof in Quadenschönfeld unterbricht die Fahrt und ruft zu einem kurzen Fototermin – ein Selfie als Nachweis, dass man den Schlenker über Warbende fährt und die Fahrt nicht über die L34 zwischen Blankensee und Möllenbeck abkürzt und sich damit ca. 10km sparen würde.

 

Der weitere Weg nach Templin ist mir nicht mehr genau im Gedächtnis, der Wind steht seitlich, zwischendurch leicht frontal. Auch hier gibt es immer mal wieder ein paar Tropfen von oben- Ich suche nach einer Unterstellmöglichkeit, doch es gibt nichts weiter als rückwandlose Bushaltestellen, diese nützen bei seitlichen Wind mal gleich Null als Regenunterschlupf. Also egal, weiterfahren. Plötzlich wird der Körper müde, wahrscheinlich sinkt der Endorphinlevel vom Geschwindigkeitsrausch ab, ich mag die Musik vom MP3-Player nicht mehr hören, esse noch einen Riegel, habe aber leider nicht auf das Etikett geschaut und ein Produkt auf Dattelbasis erwischt. Von denen bekomme ich immer Sodbrennen, so auch heute. Diese Dattelgeräte verschwinden bis zum Fleche Allemagne aus meinem Riegelprogramm, aber dieser „war halt noch da und zu schade zum wegwerfen“. Geiz an falscher Stelle! Nicht mehr ganz so frisch erreiche ich also die letzte Kontrollstelle vor Berlin. Templin, noch 80km to go. Ich gönne mir ein Tankstellenmenü aus Eistee, Apfelschorle, Salzchips und Kaffee. Alles teuer, alles egal. Natürlich weiß ich, dass es keine allzu grandiose Idee ist, bei Sodbrennen salzig zu essen, aber auch das ist jetzt irgendwie egal. Martin, Matthew und Ingo sind mittlerweile auch in Templin eingetroffen und ich hänge mich an den gut laufenden Zug abermals an. Martin ist wohl bereits den gesamten Tag vorne im Wind und hält das Tempo auch am späten Nachmittag immer noch bei 30 – 32km/h. So rollt es sich angenehm zurück nach Berlin, man fantasiert bereits von Lasagne, freut sich auf das obligatorische Bier bis… tja, bis 40km vor dem Ziel die Schleusen aufgehen. Es schüttet beinahe ununterbrochen und naturgemäß sinkt dadurch die Temperatur immer weiter ab. Der Seitenwind tut sein übriges um die letzten Kilometer zu einer reinen Qual werden zu lassen. Trotz Überschuhen dauert es nicht lange, bis die Füße durchnässt sind. Auch die Hände sind trotz Kurzfinger- plus Merino-Langfingerhandschuhen unter diesen Bedingungen nach einer Weile zu Eis gefroren. Das Ammenmärchen, dass Merinowolle auch in feuchtem Zustand noch wärmt, muss ich – zumindest unter Extrembedingungen – doch in Frage stellen. Zumindest die sündhaft teure Gore GTX Active hält den Oberkörper trocken und warm, das ist an diesem Abend wahrscheinlich meine Rettung. Als wäre der Graupel nicht genug, setzt dann natürlich auch noch ein 30-sekündiger Hagelschauer ein. Im April! 30 Sekunden sind nicht lang, klar, aber dennoch lang genug um mich lauthals anprangernd „Hagel? Im April???“ in den frühen Abend hineinrufen zu lassen… Ich habe das Gefühl, meine Mitfahrer sehen das ähnlich.

Richtig ärgerlich und teilweise schon beängstigend wird der Straßenverkehr auf den letzten 20-25km der L21 stadteinwärts. Spätestens ab Mühlenbeck scheinen sich viele Kampfautofahrer einen Spaß daraus zu machen, uns vier Radfahrer so dicht wie möglich überholen zu müssen. Ob Gegenverkehr kommt oder nicht. Irgendwie quetscht man sich schon an uns vorbei… Man muss sich das mal vorstellen: Es regnet in Strömen, ist stockdunkel – wir haben allesamt zugelassene Beleuchtung am Rad und tragen Warnwesten, sind also definitiv sichtbar, und dennoch passieren uns unzählige Autofahrer mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit auf Millimeterniveau. Eine Bande von Brandenburger Hinterwäldlern lehnt sich im Vorbeifahren sogar noch aus dem Fenster und lässt niedere Beschimpfungen in unsere Richtung los. Manchmal ist es einfach nur traurig zu sehen, welch blinde Selbstgerechtigkeit einige Personen an den Tag legen… und darauf auch augenscheinlich auch noch mächtig stolz sind.

Als wir gegen 21:30 Uhr nach einer gefühlten Ewigkeit im Berliner Ampelverkehr endlich im Amstel House ankommen, zittere ich am ganzen Leib und habe schon Schwierigkeiten bloß meine nassen Handschuhe auszuziehen. Meine Hände gehorchen mir kaum noch. Beinahe wäre ich in Höhe Osloer Straße nach Hause abgebogen, von der Osloer wären es nur noch knapp acht Kilometer bis zur wärmenden Dusche gewesen, doch der Randonneursstolz lässt mich durchhalten. Glücklicherweise organisiert Ralf Handtücher für die gesamte Runde, so dass man sich trockenrubbeln kann und dann mit Handtuchstola vor einer heißen Mahlzeit sitzt. So kommen die Lebensgeister langsam zurück und ich bin glücklich, dieses Brevet überstanden zu haben. Die letzten 11-12km Heimweg sind mit semitrockener Kleidung nur noch halb so schlimm. Zu Hause angekommen heißt es dann: Heiß duschen, Kaffee und Wärmeflasche machen, ab ins Bett und versuchen, die letzten Kilometer einer zwar anstrengenden, aber ansonsten doch sehr schönen Ausfahrt zu vergessen.

STRAVA: https://www.strava.com/activities/954092054

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2 Kommentare zu „Die Hölle des Nordens / 300km Brevet / 2017

  1. Hallo Uli, Danke für Deinen Bericht. Da weiß ich ja, was ich verpasst habe! Umso mehr freue ich mich auf die 400 in der kommenden Woche. Viele Grüße und bis dann, Fritz 🙂

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