ARA BB / 200km Brevet / 2017

Für Otto Normal beginnt der Frühling im Jahr 2017 am 20.03. Das ist ein Montag. Ich bin mir sicher, für viele Berliner Randonneure verschob sich der Frühlingsanfang gefühlt auf den 25.03 – dem darauf folgenden Samstag. Bei mir war es zumindest so, denn die ARA Berlin-Brandenburg lädt zum Auftakt in die 2017er Brevet-Saison! Auch wenn ich selbst noch im Grunde Neuling bin, erst 2016 meine erste Serie bestritt, freue ich mich ungemein über das Wiedersehen mit den Weggefährten aus dem Vorjahr. So vergeht die Stunde vor dem Start wie im Flug, so schnell sogar, dass ich beinahe meine Startgruppe verpasse. Noch während ich mein Rad aus dem zugeparkten Vorraum des Amstel Houses bugsiere, höre ich schon das Klicken der Pedale und sehe die ersten Fahrer anrollen. Aber das ist natürlich alles halb so wild, die Langstrecke ist bekanntlich kein Rennen und ich bin rechtzeitig im Sattel, um mich den letzten Abfahrenden anschließen zu können.

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Zunächst hefte ich mich an die Fersen der besonders Schnellen. Am frühen Morgen ist das noch eine Gruppe von etwa zehn Fahrern um die beiden Zugpferde Gerald und Stefan. Eine Entscheidung, die mir bis zur Zieleinfahrt in den Beinen brennen wird. Innerhalb Berlins lässt sich der Gruppe gut folgen, die Geschwindigkeit übersteigt, aufgrund der vielen Ampelphasen, selten die 32km/h Marke. Mit frischen Beinen ein zügiger, aber angenehmer Ritt. Mit zunehmender Entfernung zum Stadtgebiet steigt die Geschwindigkeit allerdings zusehends. Als ich zwischen Philippsthal und Saarmund die erste 40 auf meinem Tacho lese, lasse ich die Jungs ziehen, schließlich ist der Tag grade mal 30km alt. Heute habe ich schlichtweg weder Beine noch Lunge für dieses Tempo. Ich kann nur vermuten, dass diese Gruppe nach und nach immer kleiner werden wird. Auf meine Sprinteinlage am frühen Morgen sollen etwa 140km solo im teils harschen Gegenwind folgen. Bis Paplitz (Entfernung ca. 85km vom Start) bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, meine Beine zu sortieren und meinen Tritt zu finden, das „eingrooven“ fällt mir bei Gegenwind aus Erfahrung immer schwer, vermutlich aus falschem Stolz. Ich lese in der Ebene nicht gerne niedrige 20er-Zahlen auf dem Tachometer, wobei daran doch im Grunde überhaupt nichts falsch ist. Grade bei Gegenwind. Dennoch, um mich damit abzufinden, brauche ich heute leider recht lange. Grade als ich ganz zufrieden mit meiner Fahrt bin, werde ich von einer „gemäßigt flotten“ Dreiergruppe eingeholt und kann meinen Hund&Stöckchen-Reflex nicht kontrollieren. Ich hefte mich an, fahre mal wieder 2-3 km/h über meiner Wohlfühlgeschwindigkeit und verpulvere unvorsichtig meine Körner. Um die Beine nicht noch weiter in Grund und Boden zu fahren, lasse ich nach ca. 15km aber doch abreißen. Auch den zuvor lange gesuchten Wohlfühl-Tritt finde ich nun schnell wieder.

Es sind immerhin stolze 100km ins Land gegangen, bis ich die Ausfahrt endlich genießen kann. Zwischen Rietzneuendorf und Briesen finde ich meinen persönlichen Lieblingsteil des heutigen Brevets vor. Der Track folgt hier dem Dahmeradweg und führt uns über einen befestigten Waldweg vorbei an der Ruine der alten Staakmühle. Ich liebe Ruinen und lasse mir diese Fotogelegenheit nicht entgehen. Zwar ist dieser Teil des Tracks nur 9km lang, aber diese idyllischen 9km sind purer Genuß! Außerdem pedaliert man im Wald bekanntlich windgeschützt – ein weiteres Plus! Just als ich aus dem Wald herausfahre, schließt die Dreiergruppe abermals auf mich auf. Ich hatte sie in der Golßener Kontrollstelle beim pausieren wiedergetroffen und da ich nur einen ‚Stempel & Go‘-Stop einlegte, hatte ich die Karavane also wieder im Nacken. Diesmal lasse ich sie mit einem kurzen Gruß aber einfach ziehen. Man lernt halt dazu! Bis zum letzten Kontrollpunkt in Trebbin fahre ich locker im Gegenwind, die Geschwindigkeit ist nicht mehr hoch und das ist mir vollkommen egal. Ich habe mir ein bisschen Musik angemacht und die zwei bis drei kleineren Wellen zwischen Tornow und Wünsdorf sind heute keine besonderen Belastungen mehr. Normalerweise mag ich diese kurzen, giftigen Brandenburger Anstiege nicht besonders, aber heute sind die Beine bereits so schwer, dass ich mit kleinem Gang und rhythmischem Tritt gut vorankomme. Rauf, runter, Ebene – ganz egal.

In der Trebbiner Kontrollstelle gönne ich mir Kaffee und ein Brötchen und mache mich grade zum Aufbruch bereit, als die Gruppe um ARA-BB-Organisator Ingo einrollt. Viele Gesichter, mit denen ich im letzten Jahr bereits gerne zusammen gefahren bin, eine Gruppe, die meiner Geschwindigkeit im Grunde ganz gut entspricht. Also bleibe ich etwas länger um zusammen mit den Weggefährten aus dem Vorjahr zurück nach Berlin zu rollen. Ich denke natürlich auch schon an das Bier in geselliger Runde am Zielort. Diese Entscheidung war sozusagen ein ‚No-Brainer‘. Allerdings muss ich erkennen, dass ich heute entweder einfach zu viele Körner auf der Strecke gelassen habe, oder meine Form noch nicht der von 2016 entspricht. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Die Reisegeschwindigkeit zwischen 28 und 31 km/h schmeckt mir am Ende der Ausfahrt zumindest nicht mehr besonders. Eigentlich stehe ich ganz gut im Training, denke ich. Im Januar sowie Februar bin ich jeweils 200er Distanzen gefahren und das Jahressaldo steht schon knapp über der 4.000er Kilometermarke, auf der anderen Seite trage ich allerdings noch immer 5kg „Winterballast“ mit mir herum. Das bremst ein bisschen. Von Ingo & Co lasse mich die letzten 40km aber dennoch mitziehen. Wären wir heute bei einem 300er Brevet, hätte ich aber auch diese Gruppe ganz klar fahren lassen müssen.

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Zurück im Amstel House verbleibe ich noch 2 1/2 Stunden, tausche Geschichten und Pläne für die kommenden Monate aus und hole die verbrannten Tageskalorien in Form von Augustiner Lagerbier wieder rein. Das ist keine vorbildliche Sportlernahrung, aber es ist ja gemeinhin bekannt, dass es grundsätzlich vorbildlichere Sportler als den gemeinen Randonneur gibt. Eines wird mir ganz deutlich: Ich habe die Berliner Randonneure in den Wintermonaten ganz schön vermisst. In diesem Sinn – man sieht sich in vier Wochen!

STRAVA: https://www.strava.com/activities/914471934

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3 Kommentare zu „ARA BB / 200km Brevet / 2017

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    1. Hallo Dietmar, es freut mich, dass Dir Bericht und Fotos gefallen! Deinen Blog sauge ich seit letztem Jahr auf und lese Deine Berichte wirklich gerne. Wir sehen uns bald auf dem Rad. Beste Grüße von „der Bergziege“ aus Deinem Brocken-Bericht. : )

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  1. Hallo Uli, ich freue mich über einen weiteren Blog zum Thema – und über den schönen Brevet vom letzten Wochenende. Auch ich gehöre übrigens zu den regelmäßigen Lesern von Dietmar. Neben meinem seit vielen vielen Jahren Brevet fahrenden Freund V. ist sein Blog „schuld“ daran, dass ich das jetzt auch ausprobiere. Ich freue mich auf die nächsten Einträge. Viele Grüße, Fritz

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